Stephan Bösch Photography

Der Fotograf Stephan Bösch fotografiert Menschen in einem fast leeren Raum zu von ihnen gewählter Musik. Identität drückt sich vielleicht durch äusserliche Erscheinungen aus, eine bestimmte Art sich zu kleiden, sich zu bewegen, eine Ähnlichkeit zu Vater und Mutter, ein prägnantes Verhalten. Identität ist aber nichts Äusserliches, sie ist geistige Herkunft, Sozialisation und Selbstbestimmung.

Wenn ein Kind sich selbst mit Blumen schmückt und verkündet: «Ich bin eine Sumpfdotterblume» – dann ist es in diesem Moment diese bestimmte Blume oder alle damit verwandten Blumen, ob es den ganz unblumigen Eltern passt oder nicht.

Ähnlich mit der Musik, die sich allerdings eher durch Einübung, also Sozialisation ins Körpergedächtnis einwebt. Der Funke eines Liebeslieds springt nur in ganz bestimmten Situationen über. Wenn es nicht zündet, bleibt das Lied ein nettes Lied ohne Bedeutung. Ein Schlager kann Gemeinschaft stiften ebenso wie ein Punk-Song zur Hymne einer Gegen-Gemeinschaft wird. Musik verbindet ganz unterschiedliche Individuen.

Musik spielt im Leben vieler Menschen eine wichtige, sogar eine lebenswichtige Rolle. Nicht durchweg, manchmal nur in einer bestimmten Phase, in der man ein Stück für sich entdeckt oder es einem «zufällt». Aber es gibt einem als Pfand für die geforderte Aufmerksamkeit beim Hören und Mitsingen eine Energie, die oft ein ganzes Leben lang gespeichert und abgerufen werden kann. Gerade so als wäre es für einen komponiert worden.

Es gibt Musikstücke, denen wir uns eng verbunden fühlen. Manche begleiten uns, einige verschwinden wieder. Einzelne dieser Stücke haben wir auch nach langer Zeit noch lieb, sie sind unser Freund, selbst wenn sich unser Leben und damit auch unsere Wahrnehmung verändert hat: Das Stück bleibt das gleiche, wir aber empfinden anders, haben uns weiterentwickelt. Und doch erinnern wir uns seiner Bedeutung.

Wenn das Blumenkind erwachsen wird, sind die Blüten und Halme, mit denen es sich geschmückt hatte, längst wieder eingegangen in die Natur. Auf dem Foto, das damals genommen wurde, erkennt es sich aber ohne Zögern: die schönen, die grossen Gefühle, das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu dem Zeitpunkt.

Sind die Menschen, die eine liebe alte Musik wieder hören ganz bei sich und gegenwärtig? Sind sie die Musik in dem Moment? Oder schweifen sie ab in die Vergangenheit? In jene Zeit, in der das Stück prägend war. Gelingt es ihnen, den Fotografen zu vergessen oder ihre Wirkung im Portrait nicht unwillkürlich vorherbestimmen zu wollen?

Musik setzt Energie frei, die raus will oder gebändigt werden muss. Vielleicht zeigt sich die Wirkung der Musik in einem erinnernden Lächeln, in kontemplativer Versunkenheit. Oder sie überträgt sich in Muskelkraft, Bewegung – Tanz. Freude. In Eigenes. Identität bedeutet: jeder von uns hört ein und dieselbe Musik anders, reagiert individuell auf sie. Und das ist gut. Es ist schön! 

Anmeldung und Informationen:

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