PORTRAITS IM WASSER
DAS SCHWINGEN DER WAHRNEHMUNG
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Ins Wasser einzutauchen ist, sich mit einem anderen und doch sehr vertrauten Element zu verbinden. Es kann sein, dass der Atem aus der Balance gerät, der Körper sich zusammenzieht oder weitet, der Herzschlag sich an den höheren Druck gewöhnen muss – mit dem Wasser gerät die Umgebung in Bewegung, die sich gerade eben noch ruhig auf seiner Oberfläche sonnte.
Gerade das kurzzeitige aus der Ruhe kommen von Funktionen und gleichmäßiger Spannung aber gibt Energie frei. Monotone Emotionen werden abgelöst durch Impulse, aus der Überwindung wird Überschwang. Erfrischung, Belebung, Lebendigwerden kann anheben, bis sich allmählich die Sinne wieder beruhigen. Jetzt sind sie klarer, jetzt verändert sich der Atem weiter. Nicht mehr durch das Ungewohnte, in einem anderen Element geborgen zu sein, sondern durch wiederkehrendes, immer wohltuenderes Innehalten. Das Äussere bewirkt eine Veränderung im Innern.
Das ist der Moment, in dem die Luft, die in die Lungen strömt, zum Odem wird, der den lebendigen Menschen mit seiner Umgebung verbindet. Das macht Mut, die Atempausen ganz und gar zuzulassen, ohne Bedingung. Die Erwartung an das, was kommt, hat sich verflüchtigt. Jeder neue Atemzug ist ein frischer Impuls.
Hier setzt der Lichtbildner an, dem es nicht um ein Dokumentieren des Realen geht, sondern vielmehr um das Sehen von etwas Flüchtigem, Schwingendem. Es geht um die Wahrnehmung. Deshalb war alle Vorbereitung des Orts, der Mittel, die Überzeugungsarbeit, einen Menschen ins Wasser zu holen, technischer Natur. Dass der Photograph genauso ins Wasser geht wie der Portraitierte, kostet ihn eventuell selbst Überwindung. Verwegenheit ist im Spiel, Nacktheit, aber nie um gross zu sein oder aufzutrumpfen, sondern stets, um sich zu reduzieren – zu erleben mit den Sinnen. Das erfordert mehr Courage als das andere.
Und dann, wenn der Wasserspiegel sich glättet, wenn das Flickern sich beruhigt und der Mensch, der vorhin noch fröstelte, auf eine besondere Weise erstrahlt, verbindet auch das Atmen die Lebendigen. Beide sind nun bereit für das Du, für das Gegenüber. Der Fokus auf die Natur, auf die Symbolkraft des Wassers hat sich verinnerlicht, die Verbindung zwischen Portraitierendem und Portraitiertem sich vergeistigt. Nun ist das Lauschen zwischen beiden zunächst ohne Zweck, das Befinden ohne Wertung. Die zersplitterte Mitte zwischen Wasser und Welt hat sich beruhigt, ist ausgeglichen, es gibt kein Entweder/Oder, es gibt für kurze Momente nur noch ein Sein.
Wahrnehmen was ist, darauf kommt es an. Und auf eine erhöhte Achtsamkeit, durch das Auslösen des Verschlusses den Moment nicht zu stören, die Pausen zwischen Ein- und Ausatmen zu nutzen, ohne den Einklang zu unterbrechen.
Denn es hat eine Erneuerung stattgefunden. Im Aufwühlen jener flüchtigen, fluiden Elemente und vor allem im Beruhigen von Odem, Licht und Wasser hat sich etwas Neues gefunden. Das Vage, Unsichere hat sich in einem absoluten Punkt der Aufmerksamkeit verfestigt. Die Portraits im Wasser sind innere Bilder.
Crauss 2023
“Das ist der Moment, in dem die Luft, die in die Lungen strömt, zum Odem wird, der den lebendigen Menschen mit seiner Umgebung verbindet.”