DIE ROTE BRÜCKE
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Die Fotografien werden zu Sinnbildern, die bestimmte Lebensthemen, Ereignisse oder Träume spiegeln, an denen man in Gedanken weiter wirkt. Im Grunde war das Bild also bereits in Bösch vorhanden, bevor es eine materielle Entsprechung als Fotomotiv fand. »Wenn es in Erscheinung tritt, brauche ich es nur noch zu ergreifen«, erläutert Bösch. Dieses Zufallen ist kein Zufall, ist nicht beliebig. Es geschieht gleichwohl irrational, ohne gesteuerte Handlung, vergleichbar mit dem Reifen einer Frucht, die über einer Brücke hängt: sie zeigt von selbst an, wann sie bereit ist, geerntet zu werden.
Warum aber ist die Brücke rot? Oder anders: Wie wird die Farbe zum Oberthema einer Bildserie, die von vornherein in Schwarzweiss konzipiert ist?
Zunächst hat eine kleine rote Fussgängerbrücke irgendwo an der Bahnlinie Richtung Zürich Böschs Blick immer wieder interessiert. Das auslösende Moment ist also banal, der konkrete Ort kein besonderer und ohne Bedeutung. Die Brücke leuchtet mit ihrem Rot aus all dem Grau der Stadt heraus.
Die Signalfarbe steht für das Körperliche, für Kraft und Wärme, darüber hinaus für Aktivität, Geschwindigkeit, Bewegung – aber ebenso für Gefahr und Wagnis, für die Konfrontation mit Ungelöstem. Jedem von uns ist ein Gefühl für die universalen Symbole eigen. Es braucht Mut, bestimmte Brücken zu beschreiten, sich den Herausforderungen auf dem Weg des Lebens zu stellen. Nimmt man die Einladung an, findet man auf der anderen Seite umso festeren Boden und fühlt sich verbunden mit der Welt.
Stephan Bösch spricht zwar über das Entstehen der Bilder, lässt in den Fotografien aber bewusst die Farbe weg: »Ich will keine Realität abbilden, ich will nicht dokumentieren, ich will versuchen, das Schwingen der Wahrnehmung zu formulieren.« Es geht dem Künstler eher um die ›Vibes‹, die man intuitiv beim Betreten einer Brücke spürt – und Kunst ist meistens dies: eine Brücke zwischen Menschen.
Crauss
“Das Dokumentarische, das rein Gegenständliche verschwindet. Das Symbolische beginnt zu leuchten.”